Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hat im Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) etwas gesagt, was er auf keinen Fall gesagt haben darf. Es kostete den BDI-Hauptgeschäftsführer den Kopf, weil ihm eine besondere Art von Protokollversehen angelastet wird, nämlich dass die Nichtworte des Ministers im Protokoll auftauchten.
Nun wird wohl kein Redenschreiber auf die Idee kommen, etwas aufzuschreiben, was so wahr ist, dass es auf keinen Fall ausgesprochen werden darf. In der Regel wird er solche Wahrheiten nicht einmal selbst kennen. Gleichwohl stellt sich auch für die, die Redetexte für ihre Chefs zu formulieren haben, die Frage: Wie halten wir es mit der Wahrheit?
Eine einfache Regel hat der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt aufgestellt, als er das Informationsverhalten der japanischen Regierung zur Atomkatastrophe von Fukushima kommentieren sollte. Schmidt sagte, auf Voltaire gestützt : "Eine Regierung muss nicht alles sagen, was wahr ist. Aber was sie sagt, muss wahr sein." Öffentliche Amtsträger dürften gut damit fahren, wenn sie - und ihre Redenschreiber - sich daran halten.
Glaubwürdigkeit wird allerdings nicht nur durch Unwahrheit oder gar Lüge riskiert. Man kann sie auch durch Heuchelei gefährden - etwa wenn ein Chef auf der Betriebsversammlung die Belegschaft über den grünen Klee lobt, während er im Alltag nur Unzufriedenheit zeigt. Man kann die Glaubwürdigkeit auch durch Unwahrhaftigkeit strapazieren. Ein Mitleid erweckendes Beispiel dafür boten die Redner im Bundestag, als sie im Februar 2011 einen Minister in Schutz nahmen, dessen Dissertation auf 75 Prozent der Seiten Plagiate enthält, und zwar ganz ohne Absicht des Verfassers.
Es hat auch schon Landesminister gegeben, die Statistiken solange hin- und herrechnen ließen, bis sich unter irgend einem Nebengesichtspunkt doch noch ein vorderer Platz ergab. Aber zu schönen, zu übertreiben, zu hoch zu greifen, verfehlt meist seinen Zweck: Die Zuhörer merken es, wenn ihnen ein X für ein U vorgemacht werden soll. Da kommt der Redner, zumal der politische Redner wesentlich weiter, der ein Problem ein Problem nennt und dann noch einen Lösungsansatz mitliefert.
Dabei muss man gar nicht soweit gehen wie Max Frisch, der sagte: "Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand."
Wie schreibt man eine Rede, zum Beispiel für einen Minister, die ihren Zweck erfüllt und das Publikum berührt? Hier gibt es Hinweise und Anregungen aus Theorie und Praxis.
Montag, 28. März 2011
Dienstag, 22. März 2011
13. Same procedure as every year?
Sachbearbeiter Markus G. fragt: Ich soll meinem Chef eine Festansprache schreiben, die er auf einer jährlichen Veranstaltung halten will. Im letzten Jahr musste ich zum selben Anlass einem anderen Vorgesetzten die Rede schreiben. Kann ich den alten Text wiederverwenden?
Ja, das müssen Sie sogar - aber nur zum Zwecke des Vergleichs: Sie müssen nämlich sicherstellen, dass kein Satz vom letzten Mal im neuen Manuskript wieder vorkommt. Eine Festansprache, etwa bei der Verleihung eines Jahrespreises, ist keine Lesung wie im Gottesdienst, wo der Text seit Jahrhunderten feststeht und der Lektor nach Dienstplan wechselt.
Sehr geehrter Markus G., die Festansprache, die Sie schreiben müssen, kommt eher einer Predigt gleich: Der Anlass steht fest, das Publikum ist wie immer, aber der Predigttext - der muss das Thema jedesmal wieder anders darstellen. Es wäre keine gute Idee, wenn Sie meinen, man könnte den Text beibehalten, wenn doch der Prediger wechselt.
Ihr Chef macht sich lächerlich, wenn er die Rede vorträgt, die jemand anderes schon beim letzten Mal gehalten hat. Spätestens beim fragwürdigen Spruch (Beispiel aus der Praxis: "Mit 16 baust du noch Mist, mit 20 eine Hochseeyacht") wird sich jemand an das vorige Jahr erinnern. Eine böse Falle, und Sie hätten sie aufgestellt. Wenn der Chef das merkt, wird er nicht erfreut sein. Same procedure as every year? Das sollten Redner und ihre Redenschreiber unbedingt vermeiden.
In diesem Sinne: Frohes Schaffen!
Ja, das müssen Sie sogar - aber nur zum Zwecke des Vergleichs: Sie müssen nämlich sicherstellen, dass kein Satz vom letzten Mal im neuen Manuskript wieder vorkommt. Eine Festansprache, etwa bei der Verleihung eines Jahrespreises, ist keine Lesung wie im Gottesdienst, wo der Text seit Jahrhunderten feststeht und der Lektor nach Dienstplan wechselt.
Sehr geehrter Markus G., die Festansprache, die Sie schreiben müssen, kommt eher einer Predigt gleich: Der Anlass steht fest, das Publikum ist wie immer, aber der Predigttext - der muss das Thema jedesmal wieder anders darstellen. Es wäre keine gute Idee, wenn Sie meinen, man könnte den Text beibehalten, wenn doch der Prediger wechselt.
Ihr Chef macht sich lächerlich, wenn er die Rede vorträgt, die jemand anderes schon beim letzten Mal gehalten hat. Spätestens beim fragwürdigen Spruch (Beispiel aus der Praxis: "Mit 16 baust du noch Mist, mit 20 eine Hochseeyacht") wird sich jemand an das vorige Jahr erinnern. Eine böse Falle, und Sie hätten sie aufgestellt. Wenn der Chef das merkt, wird er nicht erfreut sein. Same procedure as every year? Das sollten Redner und ihre Redenschreiber unbedingt vermeiden.
In diesem Sinne: Frohes Schaffen!
Montag, 14. März 2011
12. Bitte recht freundlich
Als der Verfassungsrechtler Ingo von Münch ein paar Jahr in der Politik gearbeitet hatte, als Wissenschaftssenator und Zweiter Bürgermeister in Hamburg, da fiel ihm dieses auf: "In Deutschland gehen mehr Arbeitsstunden durch Grußworte verloren als durch Streiks." Keiner weiß, ob das stimmt. Ob aber ein Grußwort den Zuhörern wirklich nur die Zeit raubt, hängt - unter anderem - vom Manuskript ab.
Was ist ein Grußwort? Es ist kein Vortrag, der ein vorgegebenes Sachthema ausführlich darbietet. Ein Grußwort ist keine Rede, mit der der Redner sein Publikum überzeugen, beruhigen, motivieren oder sonstwie beeinflussen will. Es ist auch keine Ansprache, in der man einen gegebenen Anlass – ob Volkstrauertag, Meisterfeier des Maurerhandwerks oder Jubiläum des Yachtclubs von 1848 – aufnimmt und eine Haltung dazu entwickelt. Ein Grußwort ist erst recht kein Diskussionsbeitrag, kein Plädoyer und schon gar nicht eine Kritik.
Der Zweck des Grußwortes ist, wie der Name sagt, das Grüßen. Nach psychologischem Verständnis soll der Gruß Aggressionen verhindern. Jeder weiß, wie es wirkt, wenn der Gruß verweigert wird. Mit dem Gruß zeigt man, wie man zum Gegrüßten steht. Und genau das ist auch die Funktion des Grußwortes, zu dem etwa ein Minister des Gastlandes auf eine Tagung eingeladen wird.
Daraus lassen sich ein paar Regeln ableiten, wie ein Grußwort angelegt werden sollte:
• Es muss freundlich und höflich sein; sonst hätte man die Einladung ablehnen sollen.
• Die zu Grüßenden, also die Tagungsteilnehmer bzw. der Veranstalter, gehören in den Mittelpunkt.
• Im Grußwort soll ihr Anliegen, ihre Profession, ihr Thema gewürdigt werden. Der Redner soll beschreiben, wie er es sieht, wie es ihn betrifft, was er daran wichtig findet.
• Ein Grußwort bei einer Geothermie-Tagung sollte also nicht im Wesentlichen von der Windenergie handeln, nur weil sie wichtiger ist.
De mortuis nihil nisi bene, sagten die Lateiner. Dieses Motto sollte nicht nur gegenüber den Toten gelten, sondern auch gegenüber allen Lebenden, an die sich ein Grußwort richtet: Man sage über sie nichts außer auf gute Weise. Wenn man nichts Positives zu sagen hat, schweigt man entweder, oder aber man sagt Kritisches, dann aber ebenfalls "bene" - also fair und freundlich.
Die Kulturgeschichte kennt viele Grußrituale. Den Kniefall, die Umarmung, die Hand an der Militärmütze. Ich stelle mir einen Herrn vor, wie er seinen Hut zum Gruß zieht und mit ihm winkt – respektvoll, aber souverän. Das ist die richtige Haltung, und dann finde ich auch die geeigneten Sätze und den passenden Ton.
Was ist ein Grußwort? Es ist kein Vortrag, der ein vorgegebenes Sachthema ausführlich darbietet. Ein Grußwort ist keine Rede, mit der der Redner sein Publikum überzeugen, beruhigen, motivieren oder sonstwie beeinflussen will. Es ist auch keine Ansprache, in der man einen gegebenen Anlass – ob Volkstrauertag, Meisterfeier des Maurerhandwerks oder Jubiläum des Yachtclubs von 1848 – aufnimmt und eine Haltung dazu entwickelt. Ein Grußwort ist erst recht kein Diskussionsbeitrag, kein Plädoyer und schon gar nicht eine Kritik.
Der Zweck des Grußwortes ist, wie der Name sagt, das Grüßen. Nach psychologischem Verständnis soll der Gruß Aggressionen verhindern. Jeder weiß, wie es wirkt, wenn der Gruß verweigert wird. Mit dem Gruß zeigt man, wie man zum Gegrüßten steht. Und genau das ist auch die Funktion des Grußwortes, zu dem etwa ein Minister des Gastlandes auf eine Tagung eingeladen wird.
Daraus lassen sich ein paar Regeln ableiten, wie ein Grußwort angelegt werden sollte:
• Es muss freundlich und höflich sein; sonst hätte man die Einladung ablehnen sollen.
• Die zu Grüßenden, also die Tagungsteilnehmer bzw. der Veranstalter, gehören in den Mittelpunkt.
• Im Grußwort soll ihr Anliegen, ihre Profession, ihr Thema gewürdigt werden. Der Redner soll beschreiben, wie er es sieht, wie es ihn betrifft, was er daran wichtig findet.
• Ein Grußwort bei einer Geothermie-Tagung sollte also nicht im Wesentlichen von der Windenergie handeln, nur weil sie wichtiger ist.
De mortuis nihil nisi bene, sagten die Lateiner. Dieses Motto sollte nicht nur gegenüber den Toten gelten, sondern auch gegenüber allen Lebenden, an die sich ein Grußwort richtet: Man sage über sie nichts außer auf gute Weise. Wenn man nichts Positives zu sagen hat, schweigt man entweder, oder aber man sagt Kritisches, dann aber ebenfalls "bene" - also fair und freundlich.
Die Kulturgeschichte kennt viele Grußrituale. Den Kniefall, die Umarmung, die Hand an der Militärmütze. Ich stelle mir einen Herrn vor, wie er seinen Hut zum Gruß zieht und mit ihm winkt – respektvoll, aber souverän. Das ist die richtige Haltung, und dann finde ich auch die geeigneten Sätze und den passenden Ton.
Montag, 7. März 2011
11. Kleines Streichkonzert
Es gibt viele Gründe, wenn ein Redetext kein großer Wurf wird. Es kann am Thema, am Anlass, am Zweck liegen, auch an der Tagesform des Verfassers. Wenn der Redenschreiber damals schlecht drauf gewesen wäre, könnte John F. Kennedy heute nicht immer wieder mit diesem Appel an den Bürger zitiert werden: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann; frage, was du für dein Land tun kannst."
Aber es gibt ein paar kleine Regeln, wie man jeden Text, erst recht jeden Redetext, besser machen kann. Ein Tipp ist: Dezimieren Sie Wörter, die auf "ung" enden! Die Erfahrung zeigt, dass die Vermeidung dieser Wortbildungen mit "ung" eine besondere Bemühung erfordert, denn ihre Verwendung entspricht einer weit verbreiteten, eher unbewussten Übung. So also nicht. Besser: Wörter mit "ung" benutzt man unversehens, also aufgepasst!
In einem Text heißt es: "Ich habe die Weisung erteilt, dass die Ausschreibung aufgehoben wird, weil alle Bewerbungen den Bedingungen nicht entsprachen." Man kann stattdessen formulieren: "Ich habe die Behörde angewiesen, die Ausschreibung aufzuheben. Denn alle Bewerber erfüllen nicht, was verlangt ist."
Jedes "ung" weniger macht einen Redetext lebendiger und meistens auch konkreter. Er lebt noch mehr auf, wenn man ihn auch noch um ein paar Adjektive erleichtert. Es muss nicht der "zentrale Focus" sein, in dem etwas steht; der Focus ohne Zusatz reicht nicht nur, er ist auch stärker. Aber es geht nicht nur um Adjektive. Auch andere Beiwörter müssen ihre Funktion schon auf den ersten Blick nachweisen, sonst haben sie keine: "Eine unserer Hauptforderungen, auf die wir besonderes Augenmerk lenken" - so etwas ist ein Tummelplatz des Quallenfetts, und Quallenfett ist der Inbegriff des Überflüssigen.
Harald Martenstein schrieb kürzlich im Zeit Magazin an einen Bild-Kolumnisten, der auch Gossen-Goethe genannt wird: "Lieber Franz Josef Wagner, beim Schreiben, haben Sie einmal gesagt, musst du ein zärtlicher Wolf sein. Oder auch: Jeder Satz ist ein Fisch. Den musst du filetieren. Erst müssen die Gräten raus, dann der Schmodder. Du musst den puren, rohen Satz schaffen, totale Verknappung, bei gleichzeitiger Poesie."
Beim Satz in der Rede muss die Poesie nicht unbedingt sein. Aber der Schmodder muss weg.
Aber es gibt ein paar kleine Regeln, wie man jeden Text, erst recht jeden Redetext, besser machen kann. Ein Tipp ist: Dezimieren Sie Wörter, die auf "ung" enden! Die Erfahrung zeigt, dass die Vermeidung dieser Wortbildungen mit "ung" eine besondere Bemühung erfordert, denn ihre Verwendung entspricht einer weit verbreiteten, eher unbewussten Übung. So also nicht. Besser: Wörter mit "ung" benutzt man unversehens, also aufgepasst!
In einem Text heißt es: "Ich habe die Weisung erteilt, dass die Ausschreibung aufgehoben wird, weil alle Bewerbungen den Bedingungen nicht entsprachen." Man kann stattdessen formulieren: "Ich habe die Behörde angewiesen, die Ausschreibung aufzuheben. Denn alle Bewerber erfüllen nicht, was verlangt ist."
Jedes "ung" weniger macht einen Redetext lebendiger und meistens auch konkreter. Er lebt noch mehr auf, wenn man ihn auch noch um ein paar Adjektive erleichtert. Es muss nicht der "zentrale Focus" sein, in dem etwas steht; der Focus ohne Zusatz reicht nicht nur, er ist auch stärker. Aber es geht nicht nur um Adjektive. Auch andere Beiwörter müssen ihre Funktion schon auf den ersten Blick nachweisen, sonst haben sie keine: "Eine unserer Hauptforderungen, auf die wir besonderes Augenmerk lenken" - so etwas ist ein Tummelplatz des Quallenfetts, und Quallenfett ist der Inbegriff des Überflüssigen.
Harald Martenstein schrieb kürzlich im Zeit Magazin an einen Bild-Kolumnisten, der auch Gossen-Goethe genannt wird: "Lieber Franz Josef Wagner, beim Schreiben, haben Sie einmal gesagt, musst du ein zärtlicher Wolf sein. Oder auch: Jeder Satz ist ein Fisch. Den musst du filetieren. Erst müssen die Gräten raus, dann der Schmodder. Du musst den puren, rohen Satz schaffen, totale Verknappung, bei gleichzeitiger Poesie."
Beim Satz in der Rede muss die Poesie nicht unbedingt sein. Aber der Schmodder muss weg.
Montag, 28. Februar 2011
10. Yes we can!
Mark Twain berichtet in seinem Essay "Die schreckliche deutsche Sprache" von einem Patienten, der im Krankenhaus starb, als die Ärzte ihm ein dreizehnsilbiges Wort heraus operieren wollten. Manche deutsche Wörter, so Twain, seien so lang, "dass man sie nur aus der Ferne sehen kann". Er nennt unter anderem das Beispiel Stadtverordnetenversammlung und stellt fest: "Dies sind keine Wörter, es sind Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets."
Solche Prozessionen sind nicht nur für Menschen schwierig, die sich mit Deutsch als Fremdsprache plagen wie einst Mark Twain. Sie sind auch für uns mühsam, und in guten Reden sind sie Gift. Im Protokoll eines norddeutschen Landtages finden wir schon auf den ersten Seiten jede Menge solcher Buchstaben-Umzüge. Das fängt mit Teilhabebeschränkungen und Handlungsmöglichkeiten an; da ist die Rede von Effektivitätssteigerungsvorschlägen und von der Armutsgefährdungsquote; es geht um Ökologisierungskomponenten, um Treibhausgaseemissionen und um Wettbewerbsbenachteiligungen.
Bei solchen Gebilden haben es Redner und Zuhörer gleichermaßen schwer. Zu lange Wörter sollten in einem Redetext aufgelöst werden. Wie das geht, hängt sehr vom Zusammenhang ab, aber irgendwie geht es immer. Man kann ein Wortungetüm in mehrere Wörter zerteilen, also "Beschränkung der Teilhabe" statt "Teilhabebeschränkung". Man kann das zu lange Wort durch einen Satz ersetzen: Statt "Handlungsmöglichkeiten" stünde da die rhetorische Frage: "Was können wir/sie tun?" Statt "Effektivitätssteigerungsvorschläge" die Formulierung: "XY hat vorgeschlagen, wie die Effektivität gesteigert werden kann. Diese Vorschläge greifen wir auf..."
Nun wimmelt es gerade in der Welt von Politik und Verwaltung von Fachbegriffen, und die kommen - siehe oben - gerne als Bandwurmwörter daher. Aber auch hier gilt: Kürzer ist besser, nichts steht unter Schutz. Dem Fachmann ist einst nur kein besseres Wort eingefallen. Wenn ein ungetümer Fachbegriff trotzdem unbedingt vorkommen muss, dann deklariert man ihn entsprechend und baut ihn zusätzlich ein ("Im Fachjargon heißt das...").
Kürzere Wörter werden besser verstanden und bleiben besser haften. Am stärksten sind einsilbige Wörter. Dank an Thomas Maess für Hinweise dazu und an Barack Obama, der Kurzwortsuchern Beispiel und Ansporn zugleich gibt: Yes we can!
Solche Prozessionen sind nicht nur für Menschen schwierig, die sich mit Deutsch als Fremdsprache plagen wie einst Mark Twain. Sie sind auch für uns mühsam, und in guten Reden sind sie Gift. Im Protokoll eines norddeutschen Landtages finden wir schon auf den ersten Seiten jede Menge solcher Buchstaben-Umzüge. Das fängt mit Teilhabebeschränkungen und Handlungsmöglichkeiten an; da ist die Rede von Effektivitätssteigerungsvorschlägen und von der Armutsgefährdungsquote; es geht um Ökologisierungskomponenten, um Treibhausgaseemissionen und um Wettbewerbsbenachteiligungen.
Bei solchen Gebilden haben es Redner und Zuhörer gleichermaßen schwer. Zu lange Wörter sollten in einem Redetext aufgelöst werden. Wie das geht, hängt sehr vom Zusammenhang ab, aber irgendwie geht es immer. Man kann ein Wortungetüm in mehrere Wörter zerteilen, also "Beschränkung der Teilhabe" statt "Teilhabebeschränkung". Man kann das zu lange Wort durch einen Satz ersetzen: Statt "Handlungsmöglichkeiten" stünde da die rhetorische Frage: "Was können wir/sie tun?" Statt "Effektivitätssteigerungsvorschläge" die Formulierung: "XY hat vorgeschlagen, wie die Effektivität gesteigert werden kann. Diese Vorschläge greifen wir auf..."
Nun wimmelt es gerade in der Welt von Politik und Verwaltung von Fachbegriffen, und die kommen - siehe oben - gerne als Bandwurmwörter daher. Aber auch hier gilt: Kürzer ist besser, nichts steht unter Schutz. Dem Fachmann ist einst nur kein besseres Wort eingefallen. Wenn ein ungetümer Fachbegriff trotzdem unbedingt vorkommen muss, dann deklariert man ihn entsprechend und baut ihn zusätzlich ein ("Im Fachjargon heißt das...").
Kürzere Wörter werden besser verstanden und bleiben besser haften. Am stärksten sind einsilbige Wörter. Dank an Thomas Maess für Hinweise dazu und an Barack Obama, der Kurzwortsuchern Beispiel und Ansporn zugleich gibt: Yes we can!
Montag, 21. Februar 2011
9. Mein und Dein der Gedanken
Eine Rede ist keine Dissertation, ein Redner ist kein Doktorand, ein guter Ghost kein unerlaubter Helfer, und Anführungszeichen lassen sich ohnehin schlecht mitsprechen. Was also hat das Redenschreiben mit dem Fall Guttenberg zu tun? Auch jenseits der akademischen Welt, auch beim zu sprechenden Wort, muss das Mein und Dein der Gedanken beachtet werden, jedenfalls wenn ein öffentlicher Amts- oder Funktionsträger spricht und nicht der Nachbar auf dem Gartenfest.
Wenn man etwas Sachkundiges zur Konjunktur ins Manuskript schreiben möchte, dann kann es schlau sein, zum Beispiel eine einschlägige Rede des Bundesbankpräsidenten zu lesen. Für den Fall, dass sie Stoff für den eigenen Zweck bietet, gibt es zwei Möglichkeiten: Man ziert sich mit ihm, indem man ihn zitiert ("Auch der Bundesbankpräsident sieht es so, denn er sagte neulich....").
Oder man macht sich einen Gedanken zu eigen, indem man ihn wirklich durchdringt und dann in neuer Formulierung, möglichst auch in variierter Argumentation verwendet. Dann braucht der, von dem die Anregung stammt, nicht (unbedingt) genannt zu werden. Große Reden sind schon immer im Dialog entwickelt worden, den die Ghostwriter und oft auch der Redner selbst vorher mit Experten und Weisen zum Thema führten.
Was allerdings niemals geht, und da unterscheidet sich eine Rede doch nicht von der Doktorarbeit, ist die Methode Copy&Paste. Selbst wenn der Bundesbankpräsident wunderbare Formulierungen zur Konjunktur gesprochen hat, außer als ausdrückliches Zitat sind sie in einem anderen Redemanuskript tabu. Das ist nicht so sehr dem Urheberrecht geschuldet, als vielmehr dem Schutz des Redners, für den man schreibt: Fremde Sätze sind peinlich. Erst recht, wenn sie entdeckt werden, und damit ist im Google-Zeitalter immer zu rechnen...
Wenn man etwas Sachkundiges zur Konjunktur ins Manuskript schreiben möchte, dann kann es schlau sein, zum Beispiel eine einschlägige Rede des Bundesbankpräsidenten zu lesen. Für den Fall, dass sie Stoff für den eigenen Zweck bietet, gibt es zwei Möglichkeiten: Man ziert sich mit ihm, indem man ihn zitiert ("Auch der Bundesbankpräsident sieht es so, denn er sagte neulich....").
Oder man macht sich einen Gedanken zu eigen, indem man ihn wirklich durchdringt und dann in neuer Formulierung, möglichst auch in variierter Argumentation verwendet. Dann braucht der, von dem die Anregung stammt, nicht (unbedingt) genannt zu werden. Große Reden sind schon immer im Dialog entwickelt worden, den die Ghostwriter und oft auch der Redner selbst vorher mit Experten und Weisen zum Thema führten.
Was allerdings niemals geht, und da unterscheidet sich eine Rede doch nicht von der Doktorarbeit, ist die Methode Copy&Paste. Selbst wenn der Bundesbankpräsident wunderbare Formulierungen zur Konjunktur gesprochen hat, außer als ausdrückliches Zitat sind sie in einem anderen Redemanuskript tabu. Das ist nicht so sehr dem Urheberrecht geschuldet, als vielmehr dem Schutz des Redners, für den man schreibt: Fremde Sätze sind peinlich. Erst recht, wenn sie entdeckt werden, und damit ist im Google-Zeitalter immer zu rechnen...
Montag, 14. Februar 2011
8. Kurz und gut
"Ihr könnt predigen, über was ihr wollt, aber predigt niemals über vierzig Minuten", empfahl Martin Luther. Allerdings ist inzwischen die Zeit knapper, die Konzentration geringer und die Autorität - selbst auf der Kanzel - kleiner geworden. Wir ziehen also für jedes Jahrhundert seit der Reformation fünf Minuten ab und kommen auf eine zeitgemäße Faustformel, die da lautet: Man kann über alles reden, nur nicht über 20 Minuten! Alles, was darüber hinaus geht, ist eine Zumutung für alle Beteiligten und braucht deshalb einen ganz besonderen Grund.
"Viel Zeit, viel Ehr" - dieses Motto ist kein solcher Grund. Veranstalter bemessen Redezeiten oft zu lang, weil sie meinen, das schuldeten sie der Bedeutung des Redners. Umgekehrt hören sie nicht selten bei der Vorplanung: "Wenn mein Minister / Vorsitzender / Hauptgeschäftsführer schon auftritt, dann müssen Sie ihm mindestens 30 / 40 / 45 Minuten geben!" Dabei ist eine auf 20 oder 15 oder 10 Minuten begrenzte Redezeit, wenn sie zum Thema und zum Rahmen passt, durchaus keine Majestätsbeleidigung.
Es kommt schließlich auf die Qualität und nicht so sehr auf die Quantität an. Zuviel Quantität geht leicht zu Lasten der Qualität. Oder anders gesagt: Je länger, desto dünner. Wer eine Rede abzusprechen und vorzubereiten hat, sollte also den Versuch nicht scheuen, übertriebene Redezeiten herunterzuhandeln. Vielleicht wird er für faul gehalten, aber das Publikum und der Redner werden es ihm danken.
Allerdings muss so eine Absprache rechtzeitig geschehen. Wenn das Programm einer Veranstaltung erst einmal steht, muss der Redner die vorgesehene Dauer in etwa einhalten. Spricht er zu kurz, entsteht ein Loch im Ablauf; kann er kein Ende finden, wird vielleicht das Essen kalt.
Wie bekommt man es hin, dass ein Manuskript der geplanten Redelänge entspricht? Auch hier hilft eine Faustformel: In fünf Minuten "verbraucht" ein Redner bei normalem Tempo im Durchschnitt etwa 450 Wörter. Wenn man in MS Word den Zähler mitlaufen lässt, hat man beim Schreiben immer im Blick, wie viel Wörter beziehungsweise Minuten noch übrig sind.
Nun wird sich der Redner normalerweise nicht exakt an den Text halten. Aber das, was er weglässt, und das, was er frei hinzu fügt, können wir miteinander verrechnen, so dass es bei 1350 Wörtern Manuskriptlänge für 15 Minuten Redezeit bleibt. Was am Ende zuviel ist, muss gekürzt werden. Vielleicht reicht es ja schon, alle Sätze zu streichen, die irgendwie dem Redetext des bekannten Bundestagsabgeordneten Karl-Heinz Stiegler ähneln. Die müssen sowieso raus...
"Viel Zeit, viel Ehr" - dieses Motto ist kein solcher Grund. Veranstalter bemessen Redezeiten oft zu lang, weil sie meinen, das schuldeten sie der Bedeutung des Redners. Umgekehrt hören sie nicht selten bei der Vorplanung: "Wenn mein Minister / Vorsitzender / Hauptgeschäftsführer schon auftritt, dann müssen Sie ihm mindestens 30 / 40 / 45 Minuten geben!" Dabei ist eine auf 20 oder 15 oder 10 Minuten begrenzte Redezeit, wenn sie zum Thema und zum Rahmen passt, durchaus keine Majestätsbeleidigung.
Es kommt schließlich auf die Qualität und nicht so sehr auf die Quantität an. Zuviel Quantität geht leicht zu Lasten der Qualität. Oder anders gesagt: Je länger, desto dünner. Wer eine Rede abzusprechen und vorzubereiten hat, sollte also den Versuch nicht scheuen, übertriebene Redezeiten herunterzuhandeln. Vielleicht wird er für faul gehalten, aber das Publikum und der Redner werden es ihm danken.
Allerdings muss so eine Absprache rechtzeitig geschehen. Wenn das Programm einer Veranstaltung erst einmal steht, muss der Redner die vorgesehene Dauer in etwa einhalten. Spricht er zu kurz, entsteht ein Loch im Ablauf; kann er kein Ende finden, wird vielleicht das Essen kalt.
Wie bekommt man es hin, dass ein Manuskript der geplanten Redelänge entspricht? Auch hier hilft eine Faustformel: In fünf Minuten "verbraucht" ein Redner bei normalem Tempo im Durchschnitt etwa 450 Wörter. Wenn man in MS Word den Zähler mitlaufen lässt, hat man beim Schreiben immer im Blick, wie viel Wörter beziehungsweise Minuten noch übrig sind.
Nun wird sich der Redner normalerweise nicht exakt an den Text halten. Aber das, was er weglässt, und das, was er frei hinzu fügt, können wir miteinander verrechnen, so dass es bei 1350 Wörtern Manuskriptlänge für 15 Minuten Redezeit bleibt. Was am Ende zuviel ist, muss gekürzt werden. Vielleicht reicht es ja schon, alle Sätze zu streichen, die irgendwie dem Redetext des bekannten Bundestagsabgeordneten Karl-Heinz Stiegler ähneln. Die müssen sowieso raus...
Montag, 7. Februar 2011
7. Erstens, zweitens, drittens
Der italienische Schriftsteller und Gelehrte Umberto Eco hat uns in seinem Werk "Die unendliche Liste" vor Augen geführt, wie der Mensch seit Beginn der Kulturgeschichte mit Hilfe von Listen, Katalogen und Sammlungen versucht, die endlose Vielfalt des Lebens überschaubar zu machen. Auch eine Rede muss mitunter Ordnung in eine schier unüberschaubare Menge von Fakten, Aspekten und Zielen bringen. Dabei kann eine Liste helfen.
Das gilt zumal, wenn nicht zur Erbauung, zur Unterhaltung oder aus festlichem Anlass zu sprechen ist, sondern in der politischen Auseinandersetzung. Dann kommt es oftmals darauf an, einen Sachverhalt schlüssig darzulegen, und dabei zugleich - sei es ausdrücklich oder zwischen den Zeilen - Fehler zu bestreiten, Vorwürfe zu entkräften, Dinge gerade zu rücken. Einen solchen Redetext als Punktation ("Erstens, zweitens, drittens...") zu strukturieren, hat zwei Vorteile:
Erstens: Gedankliche Disziplin. Die Struktur zwingt dazu, jene Punkte sorgfältig auszuwählen und durchzubuchstabieren, die einem wichtig (und/oder nützlich) sind. Von diesen Punkten aus denkend, ergibt sich dann fast von selbst, welches Faktum, welches Detail, welches Argument hinein gehört und welches nicht. Von Hölzchen auf Stöckchen kann man so eigentlich nicht kommen - und auch nichts Entscheidendes vergessen.
Zweitens: Wirkung durch Klarheit. Eine solche Struktur signalisiert: Was jetzt kommt, wird nicht mal eben so aus dem Ärmel geschüttelt, sondern ist gründlich durchdacht! Das, was jetzt hier vorgetragen wird, ist das Wichtige; alles andere ist nicht von Belang!
Diese Methode taugt übrigens nicht nur für den Sachstandsbericht oder die rhetorische Verteidigung im Parlament. Politische Redner nutzen sie gern auch, um Programmatisches einprägsam zu platzieren. Ob sieben Punkte zur Integration bei Horst Seehofer, zehn Punkte zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas bei Helmut Kohl oder 95 Thesen bei Martin Luther - immer nutzen sie die Kraft der Ordnungszahl, um ihre Sache kompakt zu machen. Wie sagte Umberto Eco zum Zauber der Liste: "Was will Kultur? Die Unendlichkeit fassbar machen."
Das gilt zumal, wenn nicht zur Erbauung, zur Unterhaltung oder aus festlichem Anlass zu sprechen ist, sondern in der politischen Auseinandersetzung. Dann kommt es oftmals darauf an, einen Sachverhalt schlüssig darzulegen, und dabei zugleich - sei es ausdrücklich oder zwischen den Zeilen - Fehler zu bestreiten, Vorwürfe zu entkräften, Dinge gerade zu rücken. Einen solchen Redetext als Punktation ("Erstens, zweitens, drittens...") zu strukturieren, hat zwei Vorteile:
Erstens: Gedankliche Disziplin. Die Struktur zwingt dazu, jene Punkte sorgfältig auszuwählen und durchzubuchstabieren, die einem wichtig (und/oder nützlich) sind. Von diesen Punkten aus denkend, ergibt sich dann fast von selbst, welches Faktum, welches Detail, welches Argument hinein gehört und welches nicht. Von Hölzchen auf Stöckchen kann man so eigentlich nicht kommen - und auch nichts Entscheidendes vergessen.
Zweitens: Wirkung durch Klarheit. Eine solche Struktur signalisiert: Was jetzt kommt, wird nicht mal eben so aus dem Ärmel geschüttelt, sondern ist gründlich durchdacht! Das, was jetzt hier vorgetragen wird, ist das Wichtige; alles andere ist nicht von Belang!
Diese Methode taugt übrigens nicht nur für den Sachstandsbericht oder die rhetorische Verteidigung im Parlament. Politische Redner nutzen sie gern auch, um Programmatisches einprägsam zu platzieren. Ob sieben Punkte zur Integration bei Horst Seehofer, zehn Punkte zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas bei Helmut Kohl oder 95 Thesen bei Martin Luther - immer nutzen sie die Kraft der Ordnungszahl, um ihre Sache kompakt zu machen. Wie sagte Umberto Eco zum Zauber der Liste: "Was will Kultur? Die Unendlichkeit fassbar machen."
Montag, 31. Januar 2011
6. Buten un binnen
Die Regierung hat eine Offensive für besseres Wetter angekündigt. Das zuständige Referat im zuständigen Ministerium entwickelt das Projekt und dazu einen Plan, in welchen Schritten es verwirklicht werden soll - Eckpunkte festlegen, Maßnahmen ausarbeiten, mit den übrigen Ressorts abstimmen, andere Institutionen konsultieren, dem Kabinett zuleiten und so weiter, das Übliche eben.
Weil das ein politisch so wichtiges Vorhaben ist, soll es fortan in jeder Minister-Rede vorkommen, auch wenn der Plan dazu noch nicht fertig ist: Schaut her, daran arbeiten wir! Soweit sind wir schon gekommen! Ein ums andere Mal aktualisiert das Fachreferat seinen Redebaustein zur Wetter-Offensive entsprechend dem Projektfortschritt : Eckpunkte festgelegt! Maßnahmen ausgearbeitet! Mit den übrigen Ressorts abgestimmt! Jetzt noch andere Institutionen konsultieren und dem Kabinett zuleiten...
Aber woran ist zu ermessen, dass eine Sache wirklich voran gekommen ist? Der Insider mit seiner Binnensicht nimmt gern Verfahrensschritte als Meilensteine, denn so ist die Arbeit an dem Projekt ja strukturiert. Aber der Außenstehende, der Zuhörer - hat er nicht eine ganz andere Perspektive? Er möchte weniger Verfahren ("Demnächst ist die Anhörung der Wassersportler geplant") und mehr Inhalt: "Sturm ab Stärke neun schaffen wir ersatzlos ab!" Weniger Meta-Hülsen ("Wir verbessern die Rahmenbedingungen für das Wetter in Schleswig-Holstein") und mehr Konkretes: "Am 1.April ist endgültig Schluss mit Nachtfrösten."
Beim Redenschreiben sollte man immer versuchen, ein Stück neben sich zu treten, um zu unterscheiden: Was ist reine Binnensicht und was wird der Perspektive des Außenstehenden gerecht? Ich mache dafür gerne den Hunde-Test: Bello wartet auf sein Fressen und Herrchen sagt ihm: "Prima, eine wichtige Hürde haben wir genommen, denn ich habe den Dosenöffner gefunden, mit dem ich die Frolic-Büchse öffnen kann, sobald Frauchen vom Einkaufen zurück ist." Zweifellos sind es wichtige Schritte zum Ziel, doch für den Hund sind es fremde Interna, die ihn nicht wirklich interessieren dürften.
Ausnahmen bestätigen die Regel, das gilt selbstverständlich auch hier. Vielleicht signalisiert es dem Hund, dass das mit dem Fressen klar geht, wenn Herrchen den Dosenöffner in der Hand hat. So läuft es mitunter auch in der Politik. Deswegen kann es auch in Reden mal richtig sein, den Dosenöffner zu zeigen...
Beim Redenschreiben sollte man immer versuchen, ein Stück neben sich zu treten, um zu unterscheiden: Was ist reine Binnensicht und was wird der Perspektive des Außenstehenden gerecht? Ich mache dafür gerne den Hunde-Test: Bello wartet auf sein Fressen und Herrchen sagt ihm: "Prima, eine wichtige Hürde haben wir genommen, denn ich habe den Dosenöffner gefunden, mit dem ich die Frolic-Büchse öffnen kann, sobald Frauchen vom Einkaufen zurück ist." Zweifellos sind es wichtige Schritte zum Ziel, doch für den Hund sind es fremde Interna, die ihn nicht wirklich interessieren dürften.
Ausnahmen bestätigen die Regel, das gilt selbstverständlich auch hier. Vielleicht signalisiert es dem Hund, dass das mit dem Fressen klar geht, wenn Herrchen den Dosenöffner in der Hand hat. So läuft es mitunter auch in der Politik. Deswegen kann es auch in Reden mal richtig sein, den Dosenöffner zu zeigen...
Montag, 24. Januar 2011
5. Von Schachteln und Strudeln
Der folgende Satz stammt nicht von dem berühmten Schachtelbauer Heinrich von Kleist, sondern ist von mir eigens für Sie konstruiert worden: Ein Redetext, der dem Grundsatz, die Möglichkeit des Publikums, dem Redner möglichst ohne Schwierigkeiten und mit Freude zu folgen, zu berücksichtigen, nicht in dem Maße Rechnung trägt, dass der Zuhörer zumindest den roten Faden behält, den die Rede haben sollte, taugt nicht viel. - Ein echtes Monstrum, auch wenn inhaltlich alles stimmt. Man könnte aber viel einfacher sagen: Der Text muss dem Zuhörer leicht ins Ohr und dem Redner leicht von den Lippen gehen.
Dazu darf man sich getrost über die eine oder andere Regel des Schriftdeutschen hinwegsetzen. "Der Vorschlag, die feste Fehmarnbeltquerung aufzugeben, ist falsch", würde man schriftlich formulieren. Aber zu sprechen und zu verstehen ist leichter: "Der Vorschlag ist falsch, die feste Fehmarnbeltquerung aufzugeben." Oder: "Es gibt den Vorschlag, die feste Fehmarnbeltquerung aufzugeben. Aber er ist falsch."
Beim Redenschreiben sollte man Informationen nicht schachteln, sondern logisch in eine Reihe bringen. So ist das Publikum zu jeder Zeit auf der Höhe des Gedankens und muss sich nicht zu viel merken, bis irgendwann der Schlüssel zum Verständnis nachgereicht wird. Und der Redner kommt nicht in die missliche Lage zu versuchen, die komplizierte Struktur eines Schachtelsatzes mit melodischen Mitteln kenntlich zu machen. Es wäre jedenfalls gut, wenn der Text nicht dem Redner den Atem raubt, sondern dem Publikum.
Wer als Texter seinen Redner nicht quälen will, dem sei der Selbsttest empfohlen: Die umständlichen Formulierungen, die schiefen Konstruktionen, die Strudel im Gedankenfluss und all die anderen Unebenheiten, die einem beim eiligen Schreiben unterlaufen, können sich nicht mehr verstecken, wenn man Satz für Satz sich selbst vorliest. Die in Schleswig-Holstein lebende Dichterin Sarah Kirsch berichtete einmal, sie lese ihre Entwürfe dem Kasettenrekorder vor und stoße dabei auf die Ungereimtheiten, auch ohne die Aufnahme je wieder abzuspielen. Diese oder ähnliche Methoden in der Schreibstube erleichtern einem Redner das Leben ungemein.
Montag, 17. Januar 2011
4. Die entscheidende erste Minute
Glücklicherweise ist eine Rede kein Roman. Da kann der erste Satz schon das Schicksal besiegeln. Aber auch für einen Redner hängt viel vom Anfang ab. Wenn wir einem Menschen zum ersten Mal begegnen, bilden wir uns innerhalb von 60 Sekunden ein Urteil, sagen Wissenschaftler. Mehr Zeit hat auch ein Redner nicht, um dafür zu sorgen, dass die Anwesenden sich nicht dem Nachbarn oder dem Blackberry zuwenden.
60 Sekunden, das sind über den Daumen gerade einmal 90 Worte. Wie weckt und hält man die Aufmerksamkeit des Publikums? Es kommt immer darauf an, zu welchem Anlass eine Rede gehalten werden soll, ob es sich um eine Festansprache handelt oder um eine Gedenkrede, ob der Vortragende der "Keynote-Speaker" oder der Lobredner ist, ob die Hauptversammlung einer Volksbank, die Besuchermassen eines Stadtfestes oder die Mitglieder einer Volksvertretung das Publikum sind.
Deshalb gibt es auch hier keine Patentrezepte; der Redenschreiber muss sich etwas einfallen lassen, das zum Anlass und zum Redner (!) passt. Aber es gibt ein paar bewährte Einstiegsmethoden. So kann man Bezug auf den Veranstaltungsort nehmen. Ein Amtsträger aus Scheswig-Holstein begann eine Rede in Hamburg so: "Man möchte als Schleswig-Holsteiner Hamburg ein Kompliment machen. Was kann ich sagen? Ich schließe mich Gerhart Hauptmann an: 'Man nenne mir eine zweite, ebenso große deutsche Stadt, deren Funktion und Form so übereinstimmen'." Hier ist gleich noch ein Zitat verwendet worden. Auch damit kommt man mitunter gut in eine Rede hinein.
Oder ein Minister aus Schleswig-Holstein wirbt in Augsburg für die maritime Wirtschaft. Dann könnte er damit anfangen, dass es ein Schwabe war, der bei der Kieler Traditionswerft HDW das erste U-Boot in Auftrag gab. Schon eine schnelle Internet-Recherche bringt oftmals erstaunliche Informationen, aus denen sich ein interessanter Auftakt entwickeln lässt.
Manchmal fällt das Rededatum auf ein Jubiläum, das zum Anlass passt. Ein Witz oder eine Anekdote können ebenfalls zum Thema hinführen. Oder man stellt einen persönlichen Bezug des Redners zum Veranstalter bzw. Thema her. Bundeskanzlerin Merkel begann bei der Feier zum 100jährigen Bestehen des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit Bemerkungen darüber, wie sie sich selbst in diesem Medium dargestellt fand.
Alles ist möglich, wenn es zu den Umständen passt, wenn es unterhaltsam und leicht zu verstehen ist, wenn es einen gewissen Esprit vermittelt, der den Zuhörer auf den Hauptteil der Rede neugierig macht. Originell, überraschend, erfrischend - alles darf der Einstieg sein, nur nicht so weit hergeholt, dass das Publikum denkt: Na, da hat der Redenschreiber aber lange gesucht...
Besonders gut kann man bekanntlich von schlechten Beispielen lernen. Da kommt Kurt Tucholskys Ratschlag für schlechte Redner gerade recht: "Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so: 'Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ...' Hier hast du schon ziemlich alles, was einen schönen Anfang ausmacht: eine steife Anrede; der Anfang vor dem Anfang; die Ankündigung, daß und was du zu sprechen beabsichtigst und das Wörtchen ‘kurz’. So gewinnst du im Nu die Herzen und die Ohren der Zuhörer."
Montag, 10. Januar 2011
3. Meinung, Meinung – und ans Publikum denken
Fakten, Fakten – und an den Leser denken! Für ein Nachrichtenmagazin mag das der richtige Slogan sein. Aber für einen hochrangigen Redner, der nicht gerade beim Faktencheck „Stuttgart 21“ auftritt, gilt: Meinung, Meinung - und ans Publikum denken. Wer wirklich hören will, wie sich das Bruttoinlandsprodukt unter besonderer Berücksichtigung der Exporte ins Baltikum und der Importe aus Indochina entwickelt hat, soll einen Ministerialbeamten aus der Fachabteilung oder einen Vertreter des Instituts für Weltwirtschaft einladen.
Von einem Politiker, zumal einem Minister will man erfahren, was er denkt und was er will, was seine Werte und seine Pläne sind. Einschlägige Fakten haben da einen Platz, wenn sie wirklich neu sind und wirklich zum Thema gehören. Aber den Fall wird es selten geben in einer Zeit, da selbst Verfassungsgerichtsurteile mitunter vor der Verkündung bekannt sind.
In der Praxis müssen Reden meistens auf bekannte Fakten aufbauen und sollen doch interessant sein. Das geht nur mit Meinung, Meinung, Meinung! Fakten haben dabei nur eine Berechtigung, wenn sie der Meinung sozusagen dienen: Sie benennen kurz den Gegenstand, der bewertet oder eingeschätzt, verworfen oder gewürdigt, kritisiert oder gelobt werden soll.
Wenn der Schiffbau in Fernost die Werften hierzulande bedroht, worauf läuft das denn hinaus? Wenn unsere Universitäten dieses und jenes Excellenzcluster haben, was sagt das eigentlich aus? Wenn die Wirtschaftsförderinstitute die öffentlichen Finanzhilfen für Unternehmen im letzten Jahr erneut gesteigert haben – ist das wirklich eine gute Nachricht und wenn ja, warum?
Wenn im Manuskript steht, wie viele Kilometer der neue Autobahnabschnitt misst, dann muss sofort ein Satz folgen, der anfängt mit einem "Das heißt..." oder "Das bedeutet... " oder "Ich sehe darin..." In einem Redemanuskript könnte stehen: "21 Kilometer Autobahn geben wir heute für den Verkehr frei"; aber dann sollte eine Wertung folgen: "Und das sind 21 Kilometer mehr in Richtung Polen, 21 Kilometer in Richtung Westen, 21 Kilometer mehr für die Einbindung unseres Landes in den kontinentalen Wirtschaftsverkehr." Zugegeben, es ist ein banales Beispiel, aber man sieht das Prinzip.
Bewertung, Einordnung, gerne auch persönliche Betrachtung - das interessiert die Zuhörer, das hält sie wach. Und wenn der Redner dann zwischendurch auch noch einmal kurz aus dem Nähkästchen plaudert oder wenigstens so tut, dann werden sie geradezu lauschen!
Mit Fakten und Zahlen sollte man in Reden also sparsam umgehen, es sei denn, sie haben einen wohl bedachten Zweck. Dann darf man mit Zahlen auch mal verschwenderisch umgehen wie in diesem schönen Beispiel aus dem Deutschen Bundestag...
In der Praxis müssen Reden meistens auf bekannte Fakten aufbauen und sollen doch interessant sein. Das geht nur mit Meinung, Meinung, Meinung! Fakten haben dabei nur eine Berechtigung, wenn sie der Meinung sozusagen dienen: Sie benennen kurz den Gegenstand, der bewertet oder eingeschätzt, verworfen oder gewürdigt, kritisiert oder gelobt werden soll.
Wenn der Schiffbau in Fernost die Werften hierzulande bedroht, worauf läuft das denn hinaus? Wenn unsere Universitäten dieses und jenes Excellenzcluster haben, was sagt das eigentlich aus? Wenn die Wirtschaftsförderinstitute die öffentlichen Finanzhilfen für Unternehmen im letzten Jahr erneut gesteigert haben – ist das wirklich eine gute Nachricht und wenn ja, warum?
Wenn im Manuskript steht, wie viele Kilometer der neue Autobahnabschnitt misst, dann muss sofort ein Satz folgen, der anfängt mit einem "Das heißt..." oder "Das bedeutet... " oder "Ich sehe darin..." In einem Redemanuskript könnte stehen: "21 Kilometer Autobahn geben wir heute für den Verkehr frei"; aber dann sollte eine Wertung folgen: "Und das sind 21 Kilometer mehr in Richtung Polen, 21 Kilometer in Richtung Westen, 21 Kilometer mehr für die Einbindung unseres Landes in den kontinentalen Wirtschaftsverkehr." Zugegeben, es ist ein banales Beispiel, aber man sieht das Prinzip.
Mit Fakten und Zahlen sollte man in Reden also sparsam umgehen, es sei denn, sie haben einen wohl bedachten Zweck. Dann darf man mit Zahlen auch mal verschwenderisch umgehen wie in diesem schönen Beispiel aus dem Deutschen Bundestag...
Dienstag, 4. Januar 2011
2. Keine Eulen nach Athen
Stellen Sie sich vor, Sie wären Mitglied im Verband der Gehwegreinigungsunternehmen Schleswig-Holsteins (GRSH). Das hieße: Sie hätten es seit Wochen mit Schnee und Eis auf den Bürgersteigen zu tun, die Sie im Kundenauftrag räumen und streuen müssen; Sie hätten Mühe, das erforderliche Streusalz zu beschaffen, und es fielen auch schon die ersten Maschinen aus, weil sie überansprucht sind und die Ersatzteile knapp werden. Sie wissen also nicht, wo Ihnen der Kopf steht.
Aber zur Jahreshauptversammlung Ihres Verbandes gehen Sie doch, denn dort tritt der Wirtschaftsminister als Gastredner auf, und Sie möchten gerne hören, was er zu sagen hat. Und dann kommt der Minister auch und hält seine Rede: "Meine sehr verehrten Damen und Herren, die 123 Mitglieder Ihres Verbandes haben es zurzeit nicht leicht. Auf den 2375 Kilometer Gehweg, die sie zu reinigen haben, liegt seit viereinhalb Wochen Schnee, und an 17 Tagen war es auch noch glatt. Deswegen ist inzwischen das Streusalz knapp und fallen die ersten Maschinen aus, weil sie überlastet und Ersatzteile kaum noch zu bekommen sind..."
Diesen Verband gibt es natürlich nicht, aber solche Redemanuskripte durchaus. Das ist ärgerlich für die Zuhörer: Man hat sich die Zeit genommen, um dahin zu fahren, und dann wird einem etwas vorgetragen, was man selbst besser weiß. Redetexter tragen allzu oft Eulen nach Athen, weil für sie der Stoff neu ist und sie dabei vergessen, dass für das sachkundige Publikum das Gegenteil gilt. Man recherchiert, was die Grunddaten und die aktuellen Probleme eines Verbandes sind, und formuliert daraus eine Rede. Diese Recherche muss sein, damit man überhaupt Bescheid weiß. Aber der Redestoff ist das noch nicht.
Besonders bei einem homogenen Publikum wie auf einer Verbandsversammlung ist es höflich, wenn der Redner das Publikum spüren lässt: Ich habe mich mit eurer Situation beschäftigt, ich weiß, wie es euch geht! Aber das ist etwas ganz anderes, als den Inhalt der Verbandshomepage vorzutragen. Dann fühlt sich die Zuhörerschaft im besten Fall gelangweilt, wahrscheinlich aber schlecht oder gar despektierlich behandelt, und so etwas hängt dem Redner lange nach.
Nachdem die verfügbaren Informationen zusammengetragen und sortiert sind, fängt die eigentliche Arbeit des Redenschreibens erst an: Welche Fragen ergeben sich, zum Beispiel an den zuständigen Minister, und worauf erwartet das Publikum Antworten? Wo sind Konflikte und wie stehen wir dazu? Was können wir der Gruppe, die da sitzt, bieten? Was wollen wir von ihr fordern? Wie lässt sich das, was da anzusprechen ist, in einen übergeordneten Zusammenhang stellen? Nun ist zu entscheiden, welche Punkte man in welcher Reihenfolge behandeln, welche man kurz erwähnen und welche man weglassen möchte, und schon ergibt sich eine tragfähige Gliederung.
Dann muss man sie nur noch mit plausiblen Argumenten, klugen Gedanken, klaren Formulierungen, lebendigen Bildern, unterhaltsamen Episoden, spannenden Passagen und treffenden Pointen füllen und dabei immer an Mark Twain denken: "Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende - und beide sollten möglichst dicht beieinander liegen."
Aber zur Jahreshauptversammlung Ihres Verbandes gehen Sie doch, denn dort tritt der Wirtschaftsminister als Gastredner auf, und Sie möchten gerne hören, was er zu sagen hat. Und dann kommt der Minister auch und hält seine Rede: "Meine sehr verehrten Damen und Herren, die 123 Mitglieder Ihres Verbandes haben es zurzeit nicht leicht. Auf den 2375 Kilometer Gehweg, die sie zu reinigen haben, liegt seit viereinhalb Wochen Schnee, und an 17 Tagen war es auch noch glatt. Deswegen ist inzwischen das Streusalz knapp und fallen die ersten Maschinen aus, weil sie überlastet und Ersatzteile kaum noch zu bekommen sind..."
Diesen Verband gibt es natürlich nicht, aber solche Redemanuskripte durchaus. Das ist ärgerlich für die Zuhörer: Man hat sich die Zeit genommen, um dahin zu fahren, und dann wird einem etwas vorgetragen, was man selbst besser weiß. Redetexter tragen allzu oft Eulen nach Athen, weil für sie der Stoff neu ist und sie dabei vergessen, dass für das sachkundige Publikum das Gegenteil gilt. Man recherchiert, was die Grunddaten und die aktuellen Probleme eines Verbandes sind, und formuliert daraus eine Rede. Diese Recherche muss sein, damit man überhaupt Bescheid weiß. Aber der Redestoff ist das noch nicht.
Besonders bei einem homogenen Publikum wie auf einer Verbandsversammlung ist es höflich, wenn der Redner das Publikum spüren lässt: Ich habe mich mit eurer Situation beschäftigt, ich weiß, wie es euch geht! Aber das ist etwas ganz anderes, als den Inhalt der Verbandshomepage vorzutragen. Dann fühlt sich die Zuhörerschaft im besten Fall gelangweilt, wahrscheinlich aber schlecht oder gar despektierlich behandelt, und so etwas hängt dem Redner lange nach.
Nachdem die verfügbaren Informationen zusammengetragen und sortiert sind, fängt die eigentliche Arbeit des Redenschreibens erst an: Welche Fragen ergeben sich, zum Beispiel an den zuständigen Minister, und worauf erwartet das Publikum Antworten? Wo sind Konflikte und wie stehen wir dazu? Was können wir der Gruppe, die da sitzt, bieten? Was wollen wir von ihr fordern? Wie lässt sich das, was da anzusprechen ist, in einen übergeordneten Zusammenhang stellen? Nun ist zu entscheiden, welche Punkte man in welcher Reihenfolge behandeln, welche man kurz erwähnen und welche man weglassen möchte, und schon ergibt sich eine tragfähige Gliederung.
Dann muss man sie nur noch mit plausiblen Argumenten, klugen Gedanken, klaren Formulierungen, lebendigen Bildern, unterhaltsamen Episoden, spannenden Passagen und treffenden Pointen füllen und dabei immer an Mark Twain denken: "Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende - und beide sollten möglichst dicht beieinander liegen."
Montag, 3. Januar 2011
1. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte...
sagen die Fotografen, um die Ausdrucksstärke ihres Produktes zu beschreiben. Täglich sehen wir solche Bilder, die mehr sagen als tausend Worte, etwa wenn die Medien aus Kriegs- und Katastrophengebieten berichten. Manche dieser Bilder bleiben uns für immer in Erinnerung, zum Beispiel das neunjährige vietnamesiche Mädchen Kim Phùk, das am 8.Juli 1972 nackt und verzweifelt vor einem Napalm-Angriff flieht und dabei von AP-Fotograf Nick Ut abgelichtet wird. Oder Bundeskanzler Willy Brandt, wie er am 7.Dezember 1970 vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos niederkniet.
Auch innerhalb der Sprache gilt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. John F. Kennedys "Ich bin ein Berliner" war so ein Sprachbild, das dem amerikanischen Präsidenten einen ewigen Platz in der Ruhmeshalle der Deutschen einbrachte, weil er sich mit ihnen in bedrohter Lage identifizierte. Der SPD-Politiker Franz Müntefering schaffte es mit einem Bild aus der Tierwelt ("Heuschrecken"), einem damals neuartigen Segment des Finanzmarktes (Private Equity) seinen Stempel aufzudrücken.
Nun wird man beim alltäglichen Redenschreiben für unspektakuläre Anlässe nicht jedesmal auf eine Wirkung hoffen können, wie sie selbst amerikanischen Präsidenten auf der Bühne der Weltgeschichte nur sehr selten gelingt. Aber ein wenig danach streben sollte man auch bei einem Redetext für einen Allerweltstermin in Kleinkleckersdorf. Denn mit der Suche nach dem einen Begriff oder Satz, der es auf den Punkt bringt, verbindet sich zwangsläufig die Frage, was da eigentlich zum Ausdruck gebracht werden soll und mit welchem Ziel. Diese Frage muss immer gestellt und vor allem beantwortet werden, wenn der Redner dem Publikum das nötige Maß an Achtung entgegen bringen soll. Und für das konkrete Publikum, das da irgendwo in einem Saal sitzt und den Gruß-, Fest- oder Tischredner erwartet, handelt es sich niemals um einen Allerweltstermin, auch nicht in Kleinkleckersdorf.
Sprachbilder bereichern jede Rede. Aber Vorsicht: Wie eine Fotografie, so darf auch ein Sprachbild nicht unscharf, verwackelt, farblich verfälscht oder schlecht ausgeleuchtet sein. Ein Bild muss stimmen, sonst bleibt der Redner nicht mit seiner Botschaft in Erinnerung, sondern wegen seiner unfreiwilligen Komik. Im Radio sagte kürzlich ein Fußballclub-Geschäftsführer zum Abgang des Trainers, dessen sportliche Ambitionen müssten mit den wirtschaftlichen Beinen des Vereins in die Waage gebracht werden. Dazu hätte mein Lateinlehrer gesagt: "Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht!" Wie man mit mißglückten Bildern abstürzen kann, hat Edmund Stoiber demonstriert, als er für den Transrapid von der Münchner Innenstadt zum Flughafen Franz-Josef-Strauß werben wollte.
Der Stoiber-Ausbruch erinnert auch an eine Tatsache, an die Redner und Redenschreiber immer denken sollten: Nicht jeder Lacher ist ein Erfolg. Dagegen transportiert ein Sprachbild, das sitzt, - ob gesprochen oder geschrieben - viel Inhalt, und zwar schnell und ohne Schwund. Wenn die taz ein Alice-Schwarzer-Portrait mit dem Satz überschreibt: "Die Fidel Castra der Frauenbewegung", dann kann sich jeder vorstellen, was gemeint ist.
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